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"Ich fand es toll, dass wir in den ersten Wochen so oft zum Wilden Westen gehen konnten und da Tiere für das Naturtagebuch beobachtet haben." Celina (10 Jahre)

Eigentlich geht das ja nicht, dass ein Junge auf Arabisch nach dem Weg fragt und er von einem Mädchen auf Deutsch die richtige Antwort bekommt. Der Weg zu dieser Art von Verständnis war Dreh- und Angelpunkt einer Theateraufführung in der Grundschule am Halmerweg. Die vierte Klasse und die fünfte Klasse der Oberschule Ohlenhof hatten gemeinsam mit der Theaterpädagogin Sabina Mak ein Stück entwickelt, das ganz viel mit ihrer Biografie und Identität zu tun hatte.
VON CHRISTIANE TIETJEN

Gröpelingen. „Papa, warum müssen wir auswandern?", fragt der Junge seinen Zeitung lesenden Vater. „Es ist Krieg, das verstehst du nicht", bekommt er zur Antwort. „Ach so, so etwas wie Star Wars?" Der Vater verneint mit amüsiert-besorgter Miene. Die Wände der Bühne sind dicht mit Zeitungspapier verkleidet, ein grüner Boden und tragbare Sperrholzkisten genügen, um den B! lick der Zuschauer ganz auf die Bewegung und die Sprache der Kinder zu konzentrieren. Eine Art Reise nach Jerusalem wird in Szene gesetzt, bei der die Akteure ihren Platz, ihre Heimat und ihre Freunde verlieren.
„Die Schüler haben viele Ideen selbst entwickelt", sagt Theaterpädagogin Sabina Mak. „Am ersten Tag waren mehr als 30 Kinder in der Theatergruppe erschienen. Wenn man das Plattdeutsch mit einbezieht, konnten sie 24 verschiedene Sprachen." Die Choreografie im Raum ist sparsam, die Auswanderer sind durch farbige Kleidung gekennzeichnet, alle anderen tragen Schwarz und Sonnenbrillen. Eine fremde Welt, Techno-Musik, abgehackte Sätze wie „Dieser Platz ist videoüberwacht!" geistern durch den Raum, nachdem ein Flug mit ebenso seltsamen Ansagen überstanden ist. Und dann geht die Sprachverwirrung los. Einfache Fragen wie „Darf ich mal ihr Handy benutzen?" beantwortet man mit achselzuckender ! Abkehr, Türkisch und Albanisch werden ebenso wenig versta! nden. La ngsam legen die Auswanderer ihre bunten Umhänge ab und setzen sich zu den andern.
Sprachliches Nebeneinander
Eine spürbar emotionale Bewegung entsteht im Zuschauerraum, als eine kleine Schülergruppe auf der Bühne ein türkisches Lied anstimmt. „Es war interessant, welches Lied die Schüler ausgesucht haben," erklärt Sabina Mak. „Ein Lied zum Hennafest, dem feierlichen Bemalen der Braut vor der Hochzeit; Abschiedsstimmung also." Das sprachliche Nebeneinanderher hat ein Ende, als zwei Auswanderinnen Köchinnen in einem deutschen Restaurant werden und statt der bestellten Currywurst etwas Exotisches servieren, das den Gästen aber viel besser schmeckt. Jetzt ist das Eis gebrochen: In der Schlussszene verstehen Deutsche plötzlich arabische oder französische Fragen, Engländer setzen Anfragen auf Deutsch in die Tat um, obwohl jeder seine eigene Sprache spricht. Die Atmosphäre is! t bestimmt von gegenseitiger Hilfsbereitschaft und Offenheit. Am Ende stellen Einzelne noch einmal die Gewissheit in den Raum, dass es gut ist, nicht nur eine Heimat zu haben – und warum.
Karl-Holger Meyer, Konrektor der Grundschule am Halmerweg, hat im vergangenen Jahr Sabina Mak bei den Grundschultheatertagen entdeckt und sie gleich für das kooperative Quims-Projekt engagiert. „Quims, das steht für Qualität in multikulturellen Schulen, eine in der Schweiz entstandene Idee, um die Sprachkenntnisse zu verbessern und das Bildungsniveau anzuheben." Auch Schulleiterin Silke Reinders von der Oberschule Ohlenhof ist begeistert, wie schnell sie das gemeinsame Projekt „an den Start gekriegt haben", wie sie sagt. „Was in dem Theaterstück gut zum Ausdruck kommt, ist die Wertschätzung der eigenen und der anderen Sprache. Die Mehrsprachigkeit ist ja auch ein Reichtum."
Seit September des vergangenen Jahr! es haben die Klassen einmal wöchentlich zwei Schulstunden! an dem Stück geprobt und, wie es scheint, Selbstsicherheit und Wir-Gefühl gewonnen. Mit einem strahlenden Lächeln bedanken sie sich bei ihrer „Frau Sabina", nachdem der lang anhaltende Applaus verklungen ist. Auch den Klassenlehrerinnen Buket Yasar von der Oberschule Ohlenhof und Hülya Koçak von der Grundschule Halmerweg ist es ein Anliegen, sich mit einem Geschenk bei der Theaterpädagogin zu bedanken. Sie wissen, wie wichtig es ist, jeden Schüler mit seiner Biografie ernst zu nehmen und zu Wort kommen zu lassen.
Selbstsicherheit und Wir-Gefühl gewonnen
Viert- und Fünftklässler der Grundschule am Halmerweg spielen Stück, das viel mit ihrer Identität zu tun hat

Oberschule Ohlenhof
Halmerweg 71, 28237 Bremen
Tel: 0421 361 94246
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